Sexualität - Die Sexualität der querschnittgelähmten FrauAnleitung zur sexuellen ZufriedenheitWie querschnittgelähmte Frauen die Lustfähigkeit ihres Körpers erforschen können und was es dabei zu beachten gibt Die Angst vor sexueller Erlebnisunfähigkeit gehört zu den drängendsten Sorgen von Frauen nach einer Querschnittlähmung. Welche Probleme auftauchen und wie mögliche Lösungen aussehen können, hat Christiane Fürll, Therapeutin und Buchautorin, für HANDICAP praxisnah beschrieben. Ihre Botschaft: Mit ein wenig Experimentierfreude und den richtigen Hilfsmitteln können querschnittgelähmte Frauen ihre sexuelle Identität neu entdecken und lustvoll empfinden. Noch gar nicht lange ist es Frauen erlaubt, über ihre tradierte Rolle – Kinder zu empfangen und zu gebären – hinaus ihre Sexualität zu entdecken und auszuleben. Zum Glück gilt es heute nicht mehr als unschicklich und erniedrigend, sexuelle Lust zu empfinden. Für querschnittgelähmte Frauen ist das jedoch schwieriger, denn sie werden in unserer Gesellschaft häufig immer noch als geschlechtliche „Neutren“ gesehen. Das zeigt schon ein Blick in die Sexualforschung: Es gibt nur wenige Publikationen, die sich mit sexuellen Störungen bei querschnittgelähmten Frauen beschäftigen. Frauen beklagen oft eine geringe Sensibilität der Geschlechtsorgane, haben Angst vor mangelnder Attraktivität und sexueller Erlebnisunfähigkeit. Und das scheinen aus wissenschaftlicher Sicht eher unspezifische, nicht messbare und deshalb schlecht erforschbare Probleme zu sein. Bei querschnittgelähmten Männern dagegen, die meist über mangelnde Erektionsfähigkeit und Probleme beim Samenerguss klagen, liegen die Dinge klarer auf der Hand. Über die erektile Dysfunktion weiß man inzwischen viel, und auch die Behandlung ist ziemlich ausgereift. Dabei sind die sexuellen Störungen bei Frauen ganz sicher nicht weniger ausgeprägt als bei Männern. Informationen gibt es meist nur für Männer Aber auch in Kliniken, die Informationsveranstaltungen zum Thema Sexualität für Frischverletzte anbieten, überwiegen die Informationen für Männer. Querschnittgelähmte Frauen bekommen meist zu hören, dass sie Kinder bekommen können und dass eine Geburt auch ohne Kaiserschnitt möglich ist. Kann das wirklich alles sein? Der Kommentar einer Frau im Rollstuhl lautet dazu: „Es gibt für mich in der Sexualität keinen qualitativen Unterschied vor und nach dem Querschnitt; es ist einfach nur anders!“ Um den eigenen Körper zu mögen, muss man ihn kennen. Um zu erspüren, was man mag, muss man ebenfalls über den Körper Bescheid wissen. Ist beides erreicht, wird auch die sexuelle Rehabilitation abgeschlossen sein. Doch bis dahin ist es ein langer Weg, und nicht alle Frauen erreichen diesen Punkt. Zunächst ist eine große Unsicherheit vorhanden. Was geht noch, was geht vielleicht irgendwann wieder? Männer stellen diese Frage meist eher, für Frauen ist es in der frühen Rehabilitationsphase oft wichtiger, wieder unabhängig zu werden und alleine klar zu kommen. Der mit dem Aufenthalt in der Klinik verbundene Verlust der Intimsphäre begünstigt auch nicht gerade einen Prozess, sich selbstbewusst als Frau fühlen zu lernen. Doch üblicherweise siegt nach einiger Zeit die Neugier und es finden sich Gelegenheiten auszuprobieren, was möglich ist. Verhütung ist auch für querschnittgelähmte Frauen ein wichtiges Thema Nach einer akuten Querschnittlähmung kann es bis zu einem Jahr dauern, bis sich die hormonelle Situation der Frau wieder so normalisiert hat, dass ein normaler Zyklus stattfindet. Spätestens bis zu diesem Zeitpunkt sollte also unbedingt an antikonzeptive Maßnahmen gedacht werden. Hier nur einige kurze Anmerkungen zu Verhütungsmitteln, die eine notwendige individuelle Beratung durch einen kompetenten Gynäkologen natürlich nicht ersetzen können. Orale Antikonzeptiva (Pille): Bei einer schlaffen Lähmung besteht erhöhte Thrombosegefahr. Die Einnahme der Pille erhöht diese Gefahr noch mehr. Intrauterinpessar (Spirale): Gelegentlich führt die Spirale zu einer Entzündung der Gebärmutterschleimhaut. Diese macht sich üblicherweise mit Schmerzen bemerkbar. Bei fehlendem Schmerzempfinden ist daher auf andere Zeichen (vermehrte Spastik, erhöhte Körpertemperatur ähnlich wie bei einer Blasenentzündung) zu achten. Hormonpflaster: Das einmal wöchentlich zu wechselnde Pflaster wird auf die Haut aufgeklebt und gibt kontinuierlich Hormone ab. Wie bei der Pille besteht ein erhöhtes Thromboserisiko. Vaginalring: Wie ein Tampon wird der Vaginalring in die Scheide eingeführt und verbleibt dort für drei Wochen, während deren kontinuierlich Hormone abgegeben werden. Die Hormonbelastung ist geringer als bei der Pille, die Nebenwirkungen sind somit auch niedriger. Hormonstäbchen: Es ähnelt einem Streichholz und wird mit einer Nadel auf der Oberarminnenseite unter die Haut geschoben. Die Wirkungsdauer liegt bei 3 Jahren! Die Nebenwirkungen ähneln denen bei der Pille. Bei venösen Durchblutungsstörungen wird von der Implantation des Stäbchens abgeraten. Kondom: Der „Klassiker“ schützt nicht nur vor Schwangerschaft, sondern auch vor Geschlechtskrankheiten. Gleitmittel in allen möglichen und unmöglichen Variationen Häufig führt eine Querschnittlähmung dazu, dass die Lubrikation (das Feuchtwerden der Scheide) verloren geht. Diese Anfeuchtung dient normalerweise auch dem Schutz der Scheidenwände vor Verletzungen und sollte auf jeden Fall mit Gleitmitteln kompensiert werden. Es gibt Gleitmittel in allen möglichen und unmöglichen Variationen. Ölhaltige Mittel ändern den pH-Wert der Scheide und greifen das Latex des Kondoms an – sie sind also nur sehr bedingt zu empfehlen. Besser sind alle Gleitmittel auf Wasserbasis, die es in verschiedenen Farben, Konsistenzen und auch Geschmacksrichtungen gibt. Dabei ist zu bedenken, dass Farb- oder Geschmackszusätze eventuell Allergien und Hautreizungen auslösen können. Die Gleitmittel werden in Tuben, Portionspäckchen und Pumpspendern angeboten. Man sollte darauf achten, dass das Mittel der Wahl auch tatsächlich für den „internen“ Gebrauch geeignet ist. Bei einigen Präparaten findet sich im Kleingedruckten der Hinweis: „Nur für kosmetische Zwecke“. Ein solches Präparat ist für den Kontakt mit der empfindlichen Schleimhaut nicht geeignet. Viele querschnittgelähmte Frauen erleben einen Orgasmus Traditionell wird kontrovers darüber diskutiert, ob bei fehlender oder verminderter Sensibilität im Genitalbereich überhaupt ein Orgasmus möglich ist. Die sexuelle Befriedigung und die Fähigkeit zum Orgasmus (welcher ja nicht nur im Genitalbereich stattfindet) sind faktisch jedoch unabhängig von der Höhe der Rückenmarksläsion. Viele querschnittgelähmte Frauen erleben einen Orgasmus! Aber auch ohne „Höhepunkt“ kann Frau Lust am Sex empfinden. Hier sei bemerkt, dass etwa 40 % aller nichtbehinderten Frauen Orgasmusprobleme haben. Um ungewollte Überraschungen zu vermeiden, sollten querschnittgelähmte Frauen die Blase vor dem Geschlechtsverkehr vollständig entleeren. Da es beim Orgasmus zu Reflexkontraktionen des Anus kommen kann, sollte auch der Enddarm leer sein. |