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Inkontinenz: Deutsche fürchten Einschränkungen beim Sport

02 Dez 2019 11:15 #1 von matti
Körperliche Beeinträchtigungen führen aus Sicht der Bundesbürger zu Verlust von Lebensqualität
Pressemitteilung

Hamburg, 28. November 2019. Sport ist gesund, baut Stress ab und verbindet Menschen: Deshalb sind viele Deutsche in ihrer Freizeit gerne sportlich aktiv. Doch ein Großteil glaubt nicht, dass auch Personen mit körperlichen Beeinträchtigungen, wie zum Beispiel Inkontinenz, einen solchen aktiven Lebensstil pflegen können. Vielmehr sind drei von vier Deutschen der Meinung, dass die Erkrankung zu einer Einschränkung der sportlichen Aktivität und damit auch der Lebensqualität führt. Weitere Abstriche müssten Betroffene nach Einschätzung der meisten Deutschen auf Reisen machen. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von 1.000 Bundesbürgern im Auftrag der Coloplast GmbH.

Der Begriff Inkontinenz beschreibt verschiedene Einschränkungen im Bereich der Ausscheidung, die die Nutzung verschiedener Hilfsmittel erforderlich machen. Hierunter fallen nicht nur Windeln und saugfähige Vorlagen. Auch Stoma-Beutel sowie sogenannte Kondom-Urinale und Einmalkatheter, mit denen Betroffene, denen ein natürliches Entleeren der Blase nicht möglich ist, mehrmals täglich das Ablassen des Harns herbeiführen müssen, gehören dazu.

Bereits 2015 hatte Coloplast erstmals eine Bevölkerungsbefragung zum Thema Inklusion durchgeführt und legt jetzt, 10 Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland, aktuelle Umfrageergebnisse vor:
Inkontinenz führt nach Auffassung vieler Deutscher insbesondere beim Sport zu „sehr starken“ oder „starken“ Einschränkungen bei der Lebensqualität. So rechnen 73 Prozent der Bundesbürger mit inkontinenzbedingten Schwierigkeiten bei sportlicher Betätigung, wie etwa dem Training im Fitnessstudio. Das ist ein Anstieg um zwei Prozentpunkte im Vergleich zur Befragung im Jahr 2015. Besonders verbreitet ist diese Befürchtung bei den 45- bis 59-Jährigen: 82 Prozent von ihnen erwarten, dass Inkontinenz die sportlichen Aktivitäten der Betroffenen einschränkt. Bei den über 60Jährigen sind es hingegen 63 Prozent. Männer gehen etwas stärker von Problemen beim Sport aus, die durch die Krankheit verursacht werden. Während 75 Prozent von ihnen dieser Meinung sind, gilt das nur für 71 Prozent der Frauen.

Deutsche schätzen Inkontinenz beim Sport als belastend ein

Doch körperliche Betätigung ist für viele Befragte nicht nur ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität. 83 Prozent der Deutschen halten inkontinenzbedingte Einschränkungen beim Sport sogar für „sehr belastend“ oder „belastend“. Auch dies gilt vor allem für die Generation der 45- bis 59-Jährigen. Schwierigkeiten bei der sportlichen Betätigung stufen 88 Prozent von ihnen als gravierend ein. Unter den Deutschen ab 60 Jahren sind es immerhin noch 75 Prozent. Für Frauen wiegen sportliche Einschränkungen schwerer. 86 Prozent von ihnen empfinden diese als Belastung, bei den Männern liegt der Anteil um sechs Prozentpunkte niedriger.

„Für viele Deutsche ist Sport ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens“, sagt Henning Reichardt, Geschäftsführer bei Coloplast. „Wenn sie darauf verzichten müssten, empfinden sie das als Verlust von Lebensqualität. Deshalb ist es so wichtig, dass die Gesundheitswirtschaft Lösungen für Inkontinenzpatienten bietet, die auch sporttauglich sind.“

Sorge vor Verlust von Lebensqualität im Urlaub

Zu einem aktiven Leben gehört für viele neben dem Sport das Reisen. Auch hier erwarten viele Deutsche Einschränkungen durch körperliche Beeinträchtigungen, wie zum Beispiel Inkontinenz. 77 Prozent der Befragten meinen, dass eine entsprechende Erkrankung die Lebensqualität im Urlaub „sehr stark“ oder „stark“ verringern würde. Vor allem die Deutschen im Alter von 30 bis 44 Jahre befürchten einen Verlust an Lebensqualität durch inkontinenzbedingte Einschränkungen auf Reisen. 83 Prozent von ihnen äußern diese Sorge. Die Generation 60 plus ist im Vergleich zu den Jüngeren ein bisschen entspannter: Von ihnen rechnen immerhin noch 70 Prozent mit Einschränkungen auf Reisen infolge von Inkontinenz.
„Viele Menschen glauben, dass Inkontinenzpatienten automatisch in Bewegung und Mobilität eingeschränkt sind“, sagt Reichardt. „Doch den Patienten steht heutzutage eine Vielzahl von Lösungen zur Verfügung, um ihnen die Beibehaltung ihres gewohnten Lebensstils zu ermöglichen. Dabei ist es wichtig, Betroffene durch optimale Beratung mit dem individuell am besten geeigneten Produkt auszustatten.“

Hintergrundinformationen

Für die zweite Auflage der Befragung „Inklusion in Beruf und Alltag“ wurden 1.000 Deutsche ab 18 Jahren im Mai und Juni 2019 befragt. Das FORSA-Institut führte die repräsentative Befragung im Auftrag der Coloplast GmbH, in Kooperation mit dem IMWF Institut für Management und Wirtschaftsforschung, sowie mit Unterstützung von Selbsthilfe Stoma-Welt e. V. und Inkontinenz Selbsthilfe e. V. durch. Die Ergebnisse sind auf ganze Zahlen gerundet. Weitere Informationen: www.coloplast.de/inklusionunternehmen

Über die Coloplast GmbH
Coloplast bietet Produkte und Serviceleistungen, um das Leben von Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen zu erleichtern. In enger Zusammenarbeit mit Anwendern entwickeln wir Lösungen, die ihren sehr persönlichen medizinischen Bedürfnissen gerecht werden.
Coloplast entwickelt und vertreibt Produkte für die Stoma-, Kontinenz- und Wundversorgung sowie für die Hautpflege und die Urologie. Darüber hinaus bietet Coloplast in Deutschland HomecareDienstleistungen an. Coloplast ist ein weltweit operierendes Unternehmen mit mehr als 12.000 Mitarbeitern.



Pressekontakt

Coloplast GmbH Lena Schlüter Senior Manager Public Affairs Kuehnstr. 75 22045 Hamburg Tel.: +49 (0)40/46862366 E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Sitz der Gesellschaft: Hamburg Amtsgericht Hamburg HRB 65501 USt.-Id.-Nr.: DE 247 070 750 Geschäftsführer: Henning Reichardt
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04 Dez 2019 00:35 #2 von martinK
Lieber Matti

Vielen Dank für den interessanten aber ernüchternden Beitrag. Es ist zwar spät, aber das Resultat der Umfrage ärgert mich dermassen, dass ich es nicht unbeantwortet lassen möchte.

Die Inkontinenz wird - wenn man der Studie glaubt - nach wie vor als grosse Behinderung stigmatisiert. Dies widerspricht meiner persönlichen Erfahrung: Aus meiner Sicht gibt es wohl wenige Beschwerden, welche die sportliche Aktivität der Betroffenen so wenig einschränken wie die Inkontinenz.

Ich habe mein ganzes Leben intensiv Tennis gespielt, teilweise auf internationaler Leistungsstufe. Auch heute bin ich trotz fortgeschrittenem Lebensalter in der Lage, mit Spielern zu trainieren, welche das Spiel vor kurzem noch auf professionellem Niveau betrieben haben. Dabei spielt meine Inkontinenz absolut keine Rolle. Einzig die Polyneuropathie behindert mich etwas in der Koordinationsfähigkeit, wobei diese wegen der langen Trainingsgeschichte wohl immer noch besser als bei 95% der Bevölkerung ist. Hätte ich andere „Volkskrankheiten“ wie Arthrose, Rheuma, einen Bandscheibenvorfall oder Depressionen, so könnte ich niemals auf den jetzigen Niveau Sport treiben.

Ich habe schon öfter gelesen, dass Inkontinenz die Betroffenen isolieren und ihnen die Lebensfreude rauben würde. Natürlich ist es frustrierend, die Kontrolle über die eigenen Ausscheidungen zu verlieren, doch muss man deswegen auf die Freuden des Lebens verzichten? Eine überaktive Blase oder ein Reizdarm hält doch nicht von Hobbies welcher Art auch immer ab, oder sehe ich das falsch? Ich finde im Gegenteil, dass man in solch schwierigen Lebenslagen im Sport oder anderen Hobbies eine Lebensstütze findet.

Insofern finde ich die Erwartungshaltung „Inkontinenz = Ende des Spasses“ schrecklich. Vielleicht wäre da Aufklärungsarbeit nötig.... (ich wundere mich z.B. Immer übet die Frage meiner Ärztin, wie meine Frau mit meiner Inkontinenz klarkommt...).

Herzliche Grüsse
Martin
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04 Dez 2019 14:59 - 04 Dez 2019 15:08 #3 von matti
Lieber Martin,

ich freue mich über deine Lebenswirklichkeit. Es ist sehr positiv wie du mit deiner Inkontinenz umgehst, dass sie dich nicht abhält oder einschränkt. Wir zwei unterscheiden uns da kaum.

Es ist mehr als wünschenswert und auch Zielsetzung des Handelns der Inkontinenz Selbsthilfe e.V., dass Betroffenen einen solchen Umgang mit ihrer Inkontinenz finden.
Dein Umgang unterscheidet sich aber ganz offensichtlich vom Umgang und den Ängsten vieler Betroffener. Dies zeigt sich hier fast täglich im Austausch mit Betroffenen.

Wie oft lesen wir hier: „Ich bin seit Monaten hier stiller Mitleser und traue mich nun auch einmal meine Geschichte zu erzählen“. Wie oft haben wir hier erst einmal „Aufbauarbeit“ geleistet, weil die durch Inkontinenz verursachten Probleme das „ganze Leben“ bestimmen, es sich alles nur noch um den nächsten Toilettengang dreht.

Was du beschreibst ist das Ziel unserer Tätigkeit. Hervorragend wenn bereits von Anfang an ein positiver Umgang mit der „Erkrankung“ besteht. Oft ist dies aber eben nicht so und genau dies erfasst ja auch die Studie, die immerhin 1000 Menschen befragte.

Menschen wie du, die sich immer wieder hier auch für die Sorgen und Nöte Anderer interessieren und von ihren Erfahrungen und ihren Umgang berichten und hilfreich zur Seite stehen, sind selten Menschen, die ihre eigenen Probleme noch nicht gelöst haben. Die Zugriffszahlen allein auf diese Homepage zeigen aber auch, dass ein hoher Informationsbedarf besteht. Wenn man sich dann die Fragen im Detail ansieht, merkt man sehr schnell wie hoch der Leidendruck oftmals ist.

Nein, Menschen mit Erkrankung und Behinderung sind nicht pauschal leidend. Sie müssen auch nicht bemitleidet werden. Genau so formulieren wir aber auch unser Angebot:

Hier werden Sie nicht bemitleidet, sondern wirklich verstanden.
Hier werden Sie konkret unterstützt.
Hier fühlen Sie, durch die Geschichte anderer, wieder eine Perspektive.
Hier bekommen Sie Informationen zu Ihrem Problem.
Hier bekommen Sie Tipps im Umgang mit Ärzten, Krankenkassen und der Bürokratie.

Der Hintergrund dieser Studie besteht nicht darin Inkontinenz Betroffene als „Leidende“ darzustellen. Die Ergebnisse zeigen aber anschaulich, dass sich die Einstellung und Lebenswirklichkeit vieler Menschen von deiner unterscheidet. Deshalb gibt es diesen Selbsthilfeverein. Die Inkontinenz Selbsthilfe e.V. betreibt Öffentlichkeitsarbeit, referiert und diskutiert, nimmt Stellung und hört im persönlichen Austausch online und vor Ort zu. Wären alle so taff wie du, hätten wir alle unsere Ziele erreicht und könnten unsere Tätigkeit beenden. Ich „befürchte“ allerdings das uns die Existenzgrundlage unseres Engagements nie ausgehen wird.

Ich finde die Ergebnisse mehr als Interessant. Sie nicht zu erheben würde subjektive Wahrnehmungen stärken. Mit dieser Studie werden sie aber objektiviert. Die Fragestellungen zu dieser Studie wurden unter anderem sehr intensiv durch die Stoma Welt e.V. und die Inkontinenz Selbsthilfe e.V. mitentwickelt, hinterfragt und teilweise ergänzt und neuformuliert.

Am Freitag dieser Woche, werde ich auf Einladung des Dänischen Generalkonsulats in den Nordischen Botschaften Berlin, an einem mehrstündigen Workshop (Austausch) zu genau diesen Themen teilnehmen. Dabei geht es auch um Strategien für eine gute Aufklärungsarbeit. Es wird um "Herausforderungen und Handlungsbedarfe" gehen. Teilnehmen werden neben Wirtschaftunternehmen auch einige Selbsthilfeorganisationen und dadurch Betroffene. Dieser Workshop wird aber nur den Beginn einer weiteren Tätigkeit sein, die Botschaften an die Politik und Selbstverwaltung entwickelt und diese Anfang nächsten Jahres in Form einer politischen Runde adressiert.

Im nächsten Jahr engagiere ich mich seit 14 Jahren für diese Thematik. Mir sind tausende Menschen begegnet, die isoliert, depressiv und jegliche Lebensfreude verloren hatten. Für die nicht nur sportliche Aktivität unvorstellbar wurde, sondern weitreichend und sich steigernd sehr viele weitere Bereiche ihres Soziallebens eingestellt wurden. Genau dagegen etwas zu unternehmen, ist meine Motivation, mein Antrieb.

Gut, wenn du (durch deinen Umgang) anderen Helfen kannst. Die Mehrzahl der hier "Aufschlagenden" benötigt allerdings Hilfe und Unterstützung, sucht Antworten auf ihre Fragen. Deshalb scheinen mir die Ergebnisse und die daraus beschriebenen Ängste und Befürchtungen sehr nah an der Lebenswirklichkeit sehr vieler Menschen.

Herzliche Grüße
Matti
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05 Dez 2019 07:01 #4 von Sebald
...momentmoment,

wenn ich das Ergebnis der Studie richtig lese, dann geht es doch um soundsoviel Prozent der Deutschen im Allgemeinen. Also nicht um Betroffene. Steckt man in der Problematik nicht drin, hat man also auch keine Ahnung von möglichen Strategien oder trotzdem verbleibender Lebensqualität.

Und die 'Nichtwisser' imaginieren sich dann Horrorszenarien, wie: Ich stehe auf dem Golfplatz mit nasser Hose; ich jogge und laufe dabei aus; ich werde von anderen angesprochen, weil... uswusf.

Insofern würde ich das Ergebnis dieser Umfrage nicht wirklich ernst nehmen. Eigentlich läuft es nur darauf hinaus, dass Coloplast diesen Ängsten dann durch diskrete Produkte ihre Spitze nehmen kann.

(Wobei ich Coloplast bzw. deren Produkte grundsätzlich schon okay finde.)

Beste Grüße,
Sebald

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05 Dez 2019 08:33 #5 von martinK
Hallo zusammen

Matti, vielen Dank für die Antwort. Ich staune immer wieder, mit welcher Energie Du Dich für die Anliegen der von Inkontinenz Betroffenen einsetzt.

Sebald, nun ja, mich ärgert die öffentliche Wahrnehmung der Inkontinenz. Und es ist ja nicht so, dass nur Nichtbetroffene die Inkontinenz schon fast als persönlichen Weltuntergang stigmatisieren. In fast jedem Artikel und jeder Sendung über Inkontinenz wird betont wie schlimm die Inkontinenz sich auf die Lebensqualität auswirkt. Das ist doch nicht nur masslos übertrieben, sondern auch kontraproduktiv. Es gibt unzählig viele Leute mit viel schwerwiegenderen Einschränkungen, die es schaffen ein Leben mit hoher Qualität und Zufriedenheit zu führen. Man sollte in den Beiträgen aufzeigen, dass die Inkontinenz nicht einschränkend sein muss, statt dass Bild der frustrierten und isolierten Betroffenen zu festigen.

Herzliche Grüsse
Martin
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05 Dez 2019 10:37 - 05 Dez 2019 10:50 #6 von Sebald
Hallo nochmal

und @ Martin:

Stimmt sicher, was du sagst. Und ich kenne auch ein paar Leute, für die ist ihre Inkontinenz tatsächlich eher das Randproblem.

Man darf aber natürlich nicht vergessen, dass dieser spezielle Hilfsmittelbereich ein breiter Absatzmarkt ist, der stetig wächst und weiter durchdrungen werden will.

Und ein Hauptargument der Erschließung ist nunmal das der Diskretion. Es ist den Herstellern - unterstelle ich jetzt einfach mal - also nicht ganz ungelegen, wenn eine Inkontinenz als peinlich, einschränkend oder sozial geächtet wahrgenommen oder erlebt wird. Und das gilt m.E. vor allem für den Markt der aufsaugenden Produkte.

Beste Grüße, Sebald

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06 Dez 2019 22:56 #7 von martinK
Lieber Sebald

Die Inkontinenz ist bei mir keine Randerscheinung, d.h. es ist für mich bei weitem nicht immer einfach, damit zu leben. Eben gerade deshalb ist es für mich wichtig, das ich andere Dinge im Leben habe, welchem mir Freude bereiten und mich auf eine andere Art fordern.

Ich bin sehr froh, dass Firmen wie Coloplast oder Tena die Inkontinenz an die Öffentlichkeit tragen und damit Werbung für ihre Produkte machen, weil auch in Bezug auf meine Inkontinenz Wert auf Diskretion und möglichst viel Normalität gebe. Ich gebe Dir aber recht, dass die Hilfsmittelfirmen die Situation womöglich ausnutzen, um Werbung für ihre Produkte machen.

Herzliche Grüsse
Martin

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07 Dez 2019 18:18 - 07 Dez 2019 19:03 #8 von matti
Hallo Martin und Sebald,

Ich freue mich über die lebhafte Diskussion.

Ich habe ein wenig den Eindruck, dass ihr beiden sehr stark eure persönlichen Erfahrungen und euren persönlichen Umgang im Blick habt. Dies ist ja auch vollkommen in Ordnung und nachvollziehbar. Ganz hervorragend, wenn euer Umgang mit der Inkontinenz euch nicht oder nur wenig ausbremst.
Wenn man den eigenen Blickwinkel einmal verlässt, stellt sich die Situation für viele Menschen aber anders dar.

Probleme und Befürchtungen aufzuzeigen, zumal wenn sie durch eine repräsentative Umfrage erhoben werden, hat aus meiner Sicht nichts mit Angstmacherei zu tun. Sie schürt keine Ängste, sondern macht diese sichtbar. Das diese den Einzelnen verwundern, oder aus der subjektiven Wahrnehmung anders gesehen werden, kann, soll und darf Diskussionsgrundlage sein. Ganz sicher eine der Absichten solcher Erhebungen.

Wenn man also einmal den eigenen Blickwinkel verlässt, dann stellt man schnell fest, dass beispielsweise eine ausgeprägte Inkontinenz, nach wie vor einer der Hauptgründe für eine Heimunterbringung ist. Diese basiert sehr häufig auf der daraus resultierenden Überforderung des häuslichen Pflegemanagements.
Hier kann man auch wieder zum eigenen Blickwinkel wechseln. Wenn es heute gelingt seine Inkontinenz durch selbstständige Versorgung sicherzustellen, auszugleichen, kann sich dies ja auch schnell ändern. Vor Alterung und zunehmenden Assistenzbedarf sind wir alle nicht geschützt. Ebenso können Krankheitsverläufe und / oder zunehmende Behinderung einen deutlich höheren Unterstützungsbedarf bedingen oder eine Selbstversorgung einschränken oder gar unmöglich machen.
Deshalb ist die jetzige Situation immer eine Momentaufnahme, die sich verändern kann.

Selbst ich, der mit seiner Inkontinenz, seiner Erkrankung, Behinderung und seinem Pflegebedarf ein relativ selbstständiges Leben führt, fürchte mich vor einem steigenden Unterstützungsbedarf und der damit verbundenen persönlich empfundenen Einschränkung meiner Selbstständigkeit, ja Lebensqualität. Befürchtungen die auch eher fiktiv sind. Ein vorgezeigter Weg ist auch bei mir nicht festgeschrieben. Ich gehe aber davon aus, dass niemand meine Sorgen anzweifelt oder in Abrede stellt.

Ich habe mich in der letzten Woche mit einer Mutter unterhalten. Die heute 12-jährige Tochter hat eine Spina bifida. In deren Folge besteht völlige Harn- und Darminkontinenz. Sie erzählte mir, welche Kämpfe sie ausgefochten hat, als es um die Einschulung ihrer Tochter ging. Aufgrund des Unterstützungsbedarfs bei der Inkontinenzversorgung, sollte die Tochter in eine Förderschule (früher nannte man dies Sonderschule) eingeschult werden. Bei der Tochter bestehen keinerlei geistige Einschränkungen, ganz im Gegenteil, sie ist heute auf einem Gymnasialzweig.

Sie berichtete auch von der Schwierigkeit der Versorgung ihrer Tochter, beispielsweise bei Ausflügen. Behindertentoiletten eignen sich nur sehr bedingt für ein größeres Kind, welches im Liegen versorgt wird. Behindertentoiletten verfügen in der Regel über keine Liegen.

Wenn ich mir über die vielen Jahre im Verein und Forum die Aussagen der Betroffenen anschaue, zieht sich doch ein Eindruck wie ein roter Faden durch sehr viele Diskussionen. Viele Betroffene berichten darüber, welch großer Schritt es für sie war zu ihrem Arzt "einzuweihen oder in Kontinenz- und Beckenbodenzentrum zu gehen – viele sagen nach Beratung und ggf. Behandlung: Wäre ich doch eher gegangen! Die Betroffenen müssen aber diesen Schritt erst einmal gehen. Einer der Schwerpunkte unseres Handelns hier, besteht doch aus Überzeugungsarbeit. Daran lässt sich aber erkennen, dass existierende Befürchtungen, Ängste und Scham sehr real sind.

Die unterschwellig ausgesprochenen kommerziellen Motive einer solchen Befragung befremden mich. Der Auftraggeber, die Beteiligten und Unterstützer sind transparent. Die Studie zeigt ein repräsentatives Ergebnis. Diesem muss man persönlich nicht zustimmen, man kann und darf selbstverständlich eine ganz eigene Ansicht dazu haben. Dennoch ändert dies ja nichts an den erhobenen Zahlen. Wenn diese dem eigenen Bild nicht entsprechen ist dies legitim.

Ob man das Ergebnis aber dann diskreditiert, indem man unredliche Motive unterstellt, die aber ausschließlich aus Vermutungen und persönlichen Ansichten bestehen, halte ich für nicht gerechtfertigt.

Das in dieser Diskussion Hersteller aufsaugender Hilfsmittel ein Interesse daran unterstellt wird das: (Zitat) „Inkontinenz als peinlich, einschränkend oder sozial geächtet wahrgenommen oder erlebt wird“. Halte ich für weit hergeholt und nicht nur weil der Auftraggeber dieser Studie gar keine aufsaugenden Hilfsmittel im Produktsortiment führt.

Bei den respektiven Bedingungen der Krankenkassen bei der Hilfsmittelversorgung gesetzlich Krankenversicherter, die immerhin 90% der Versicherten ausmachen, verwundert mich eure Wahrnehmung. In diesem Marktsegmenten ist die freie Wahl des Hilfsmittels oftmals, auch nach dem Ende der Ausschreibungen, noch immer ein Wunschtraum, oder nach wie vor mit hoher wirtschaftlicher Aufzahlung verbunden (Mehrkostenbericht 2019: 72 Euro).

Bei einer durchschnittlichen Vergütung der Top 12 Krankenkassen (nach Anzahl der Versicherten) besteht die durchschnittliche Monatsvergütung (aufsaugende Hilfsmittel) gerade einmal bei 16,94 Euro. Schlusslicht ist die KKH mit 9,20 Euro und die DAK mit 11,99 Euro. (Stand Oktober 2019). Die Erstattungen sind nach dem Ende der Auschreibungen durschnittlich gesunken!

Die DAK hat gerade Verträge für 145 Euro Monatspauschale im Stoma Bereich abgeschlossen. Viele Betroffene benötigen aber eine sehr indiviuell angepasste Versorgung, Beratung und fortlaufende (regelmässige) Anpassung. Wir empfehlen hier häufig Homecare. Exellent, wenn persönliche Beratung und Anpassung geboten wird. Vergütet wird diese aber nicht. Diese ist bereits in der Monatspauschale enthalten. Überlegt euch einmnal was dies mit Betroffenen macht, wenn die Versorgung vielleicht nicht mehr sichergestellt ist, was dies mit Menschen macht, die vor einer Stomaanlage stehen oder auch "nur" sich vorstellen damit Leben zu müssen. Sehr reale Probleme und Ängste!

Ich glaube diese Versicherten „kämpfen“ nach wie vor an anderen Fronten, als durch „Unterwanderung“ und „Suggestion“ den Herstellern zu mehr Marktanteil zu verhelfen. Hier geht es wohl für die Meisten um eine Versorgung die ihren persönlichen Lebensbedingungen entspricht, was den verständlichen Wunsch nach Diskretion, Sicherheit und Teilhabe wohl eindeutig einschließt.

Vielleicht gar nicht so Off Topic wie man zunächst vermuten könnte: Die DAK hat eine aktuelle Studie veröffentlicht, die sich dem Thema: "Vor welchen Krankheiten sich die Deutschen Fürchten" beschäftigt. Niemand würde wohl aus diesen Ängsten und Befürchtungen ableiten, dass beispielsweise die Pharmaindustrie die Ängste vor Krebs schürt, um mehr Medikamente abzusetzen.
www.aerztezeitung.de/Panorama/Vor-welche...uerchten-404634.html

Gruß
Matti

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07 Dez 2019 20:29 #9 von hippo80
Hallo.
Ich finde diese Diskussion sehr spannend. Allerdings fehlt mir derzeit die Kraft, längere Texte zu verfassen.
Allerdings möchte ich zu dem letzten Beitrag von Matti etwas erklären. Wer an Sonderschulen denkt und sich erinnert, sollte dies nicht mit Förderschulen heute vergleichen. Dein Fall zeigt ein Beispiel für eine Förderschule KME (körperlich-motorisch Entwicklung). Diese Schulen sind vollständig barrierefrei und unterrichten nach Regellehrplan. Wo also ist das Problem?
Darüber hinaus gibt es Förderschulen "geistige Entwicklung", "Lernbehinderung" und "sozaial-emotional". In einigen Bundesländern auch noch Sprache.
Um eine Förderschule zu besuchen muss der entsprechende sonderpädagogische Förderbedarf amtsärztliche bestätigt sein.
Aber in Zeiten von Inklusion muss ja jedes Kind an die Regelschule, egal um welchen Preis.

Sorry, dass das jetzt offtopic war/ist. Aber solche Beiträge fördern die Grenzen in den Köpfen 'Förderschule=Geistig behindert' und diesem Thema widme ich mich halt intensiv, um da Falsche Vorstellungen abzubauen.

Einen schönen Abend.

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08 Dez 2019 08:26 #10 von Ayk
Hallo Zusammen
Mit großem Interresse lese ich seit einigen Wochen die Beiträge in diesem Forum da ich jetzt ebenfalls betroffen bin.
Zu meinen sportlichen Aktivitäten, kann ich sagen, daß mich die Inkontinenz dabei nur sehr wenig einschränkt, bzw. ich mich davon einschränken lasse, allerdings mit dem Einwand, daß bei hoher Aktivität auch die Inkontinenz sehr aktiv ist:unsure:
Bei Reisen sieht das etwas anders aus, es ist die eine Sache, sich mit dem eigenen Fahrzeug innerhalb bestimmter Grenzen zu bewegen und dabei auch Inkontinenzhilfen in ausreichender Menge mitnehmen zu können, aber eine ganz andere Sache eventuell an Flugreisen zu denken, wobei man sowohl von der Gepäckmenge, als auch von den gegebenen Umständen eingeschränkt wird. Z.Z benötige ich ca 10 Tena Men Level 3, ich müsste als für 2 Wochen etwa 8 Pakete einpacken, nur wohin??? Also sind solche Aktivitäten erst mal tabu.
Und was die generelle Einschränkung betrifft, so habe ich ein sehr verständnisvolles Umfeld und erfahre von unsrern Freunde und Verwanten, aber besonders von meiner Frau die volle Unterstützung. Natürlich ist es mir in der "Testphase" auch schon mal passiert, daß ich z.B beim Wandern ausgelaufen bin und im ersten Moment war mir das auch peinlich, aber die humorvolle, lästerliche Reaktion unsrer Freunde, ließ das ganze in einem lauten Gelächter enden, was mir sehr geholfen hat.
Von daher sehe ich es sowohl im Sport, als auch auf Reisen immer als eine Frage der Einstellung des Umfeldes und der für beides geschaffenen Voraussetzungen, mit dem Problem der Inkontinenz umzugehen.
Ich denke, keiner der Betroffenen hatte Inkontinenz auf seinem Wunschzettel, aber es ist an der Zeit mit diesem Problem auch in der Öffentlichkeit, in dem Umfang umzugehen, wie die Zahl der Betroffenen steigt.
Ayk

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