Harninkontinenz betrifft viele Männer, besonders nach Prostataoperationen. Die gute Nachricht: Es gibt verschiedene moderne Systeme, die helfen können. Doch welches System passt zu wem? In diesem Beitrag stellen wir drei bewährte Methoden laienverständlich vor und zeigen die Unterschiede: das ATOMS-System, das AdVance-Band und den künstlichen Schließmuskel AMS 800.
Männliche Harninkontinenz: Systeme im Vergleich
ATOMS, AdVance-Band und AMS 800 einfach erklärt
Harninkontinenz betrifft viele Männer, vor allem nach Prostataoperationen wie der radikalen Prostatektomie. Die Lebensqualität kann dadurch stark beeinträchtigt werden. Die gute Nachricht: Es gibt verschiedene moderne Systeme, die gezielt helfen können. Doch welches System passt zu wem? In diesem Beitrag werden drei etablierte Methoden laienverständlich und praxisnah erklärt und ihre Unterschiede beleuchtet: das ATOMS-System, das AdVance-Band und der künstliche Schließmuskel AMS 800.
1. Das ATOMS-System: Flexibles Kissen für individuelle Anpassung
- Kein Band: Anders als klassische Schlingen-Implantate wird beim ATOMS-System ein mit Flüssigkeit gefülltes Silikonkissen unter die Harnröhre gelegt.
- Individuell anpassbar: Nach der Operation kann der Füllstand des Kissens über einen kleinen Port im Hodensack oder Leistenbereich nachjustiert werden – ohne erneuten Eingriff.
- Schonende Methode: Das Kissen drückt sanft, aber effektiv auf die Harnröhre, um den Verschlussmechanismus zu unterstützen und unwillkürlichen Urinverlust zu verhindern.
- Operationsdauer: Der Eingriff dauert meist 45–60 Minuten und erfolgt in Vollnarkose oder Spinalanästhesie.
- Risiken: Wie bei jedem Implantat gibt es Risiken wie Infektionen, Schmerzen oder Kissenverschiebung, diese sind jedoch selten.
Für wen geeignet?
Das ATOMS-System eignet sich besonders für Männer mit leichter bis mittlerer Belastungsinkontinenz, die eine flexible, individuell nachjustierbare Lösung wünschen. Es ist auch für Patienten geeignet, bei denen andere Methoden nicht erfolgreich waren oder wenn eine nachträgliche Anpassung wichtig ist.
Sehr ausführliche Diskussion und Erfahrungsaustausch in unserem Selbsthilfeforum: https://www.inkontinenz-selbsthilfe.com/forum/4-harninkontinenz/19467-atoms-op
2. Das AdVance-Band: Das klassische „Sling“-System
- Unverstellbar: Das Band wird unter die Harnröhre gelegt und bleibt nach der Implantation in seiner Position und Spannung – eine spätere Anpassung ist nicht möglich.
- Unterstützung der Harnröhre: Das Band hebt die Harnröhre leicht an und stellt ihre natürliche Position nach einer Operation wieder her. Dadurch wird die Funktion des Schließmuskels unterstützt.
- Minimalinvasiv: Der Eingriff ist relativ klein, erfolgt meist über einen Dammschnitt, und die Erholungszeit ist kurz.
- Risiken: Zu den Risiken zählen Schmerzen im Dammbereich, Infektionen oder ein Verrutschen des Bandes. Selten kann es zu Problemen beim Wasserlassen kommen.
Für wen geeignet?
Das AdVance-Band ist vor allem für Männer mit leichter Belastungsinkontinenz geeignet, deren Schließmuskel noch teilweise funktioniert. Es ist besonders geeignet, wenn keine schwere Schädigung des Schließmuskels vorliegt.
3. AMS 800: Der künstliche Schließmuskel mit Pumpe
- Steuerbare Pumpe: Der AMS 800 besteht aus einer Manschette um die Harnröhre, einer kleinen Pumpe im Hodensack und einem Reservoir. Mit der Pumpe kann der Patient den Urinfluss bewusst steuern.
- Komplexes System: Die Manschette hält die Harnröhre dauerhaft geschlossen. Erst durch Drücken der Pumpe wird die Manschette vorübergehend geöffnet, sodass Wasserlassen möglich ist.
- Für schwere Fälle: Der AMS 800 ist der Goldstandard bei schwerer Inkontinenz, etwa nach vollständigem Versagen des natürlichen Schließmuskels.
- Operationsdauer: Die Implantation dauert meist 1–2 Stunden und erfordert eine sorgfältige Nachbetreuung.
- Risiken: Infektionen, mechanische Fehlfunktionen oder Erosion der Manschette sind selten, aber möglich. Eine spätere Revision ist manchmal notwendig.
Für wen geeignet?
Der AMS 800 ist die Methode der Wahl bei schwerer Inkontinenz, wenn andere Systeme nicht ausreichend helfen oder der Schließmuskel komplett ausgefallen ist. Er eignet sich auch für Patienten, die maximale Kontrolle über den Urinfluss wünschen.
Welches System ist das richtige?
- ATOMS-System: Flexibel, individuell einstellbar, ideal bei leichter bis mittlerer Inkontinenz und wenn Anpassungen nach der OP gewünscht sind.
- AdVance-Band: Einfaches, minimalinvasives Band, nicht verstellbar, geeignet bei leichter Inkontinenz und teilfunktionierendem Schließmuskel.
- AMS 800: Künstlicher Schließmuskel mit Pumpe, Goldstandard bei schwerer Inkontinenz, besonders nach kompletten Schließmuskelversagen.
Die Wahl des passenden Systems hängt von der Schwere der Inkontinenz, den anatomischen Gegebenheiten und den persönlichen Lebensumständen ab. Ein erfahrener Urologe berät individuell und hilft, die beste Lösung zu finden.
Häufige Fragen (FAQ) zu den Systemen
- Wie lange hält ein ATOMS-System und ist eine Wartung nötig? Das ATOMS-System ist für einen dauerhaften Verbleib im Körper konzipiert. Die verwendeten Materialien sind sehr robust und auf eine Lebensdauer von vielen Jahren ausgelegt. In seltenen Fällen kann es notwendig sein, das Kissen nachzufüllen oder den Port zu überprüfen. Regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen beim Urologen sind sinnvoll, um die Funktion zu kontrollieren und Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Ein Austausch ist nur bei Problemen erforderlich, was aber selten vorkommt.
- Kann das AdVance-Band nachträglich angepasst werden, und was passiert, wenn die Wirkung nachlässt? Nach der Implantation bleibt das AdVance-Band in seiner ursprünglichen Position und Spannung – eine nachträgliche Anpassung ist nicht möglich. Sollte die Wirkung im Laufe der Zeit nachlassen, kann das Band entfernt und ggf. ein anderes System eingesetzt werden. Gründe für eine nachlassende Wirkung können Veränderungen im Gewebe oder eine weitere Schwächung des Schließmuskels sein. In solchen Fällen wird individuell entschieden, ob ein ATOMS-System oder ein künstlicher Schließmuskel besser geeignet ist.
- Ist das Bedienen des AMS 800 im Alltag schwierig? Die Bedienung des AMS 800 ist für die meisten Männer nach einer kurzen Eingewöhnungszeit gut zu erlernen. Die Pumpe wird im Hodensack platziert und kann mit den Fingern ertastet werden. Zum Wasserlassen drückt man die Pumpe einige Sekunden lang, wodurch sich die Manschette öffnet und der Urin abfließen kann. Nach etwa 2–3 Minuten verschließt sich die Manschette automatisch wieder. Das medizinische Team gibt eine ausführliche Einweisung und übt die Handhabung mit dem Patienten. Einschränkungen im Alltag gibt es in der Regel nicht, auch sportliche Aktivitäten sind nach der Heilungszeit meist möglich.
- Wer übernimmt die Kosten für die Systeme und gibt es Voraussetzungen? In Deutschland übernehmen gesetzliche und private Krankenkassen die Kosten für ATOMS, AdVance-Band und AMS 800 in der Regel, wenn eine medizinische Notwendigkeit vorliegt. Voraussetzung ist meist, dass konservative Therapien (z. B. Beckenbodentraining) ausgeschöpft wurden und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt ist. Vor der Operation sollte der behandelnde Urologe einen Kostenübernahmeantrag stellen und die individuellen Voraussetzungen mit der Kasse abklären. Eventuell sind Atteste oder weitere Gutachten nötig.
- Wie läuft die Nachsorge und Heilungsphase nach der Implantation ab? Nach der Implantation eines der Systeme bleibt der Patient meist einige Tage stationär. Die Heilungsphase dauert je nach System und individuellem Verlauf 2–6 Wochen. In dieser Zeit sind starke körperliche Belastungen, schweres Heben und intensiver Sport zu vermeiden. Die Nachsorge umfasst regelmäßige Kontrollen beim Urologen, um die Funktion des Implantats zu überprüfen und Komplikationen auszuschließen. Beim ATOMS-System kann der Kissenfüllstand nachjustiert werden, beim AMS 800 wird die Pumpe nach einigen Wochen erstmals aktiviert.
- Kann ich mit den Systemen wieder Sport treiben, und gibt es Einschränkungen im Alltag? Nach Abschluss der Heilungsphase ist in den meisten Fällen normale Alltagsaktivität wieder möglich. Viele Männer berichten, dass sie nach der Implantation wieder deutlich aktiver sind und Sport treiben können – z. B. Radfahren, Schwimmen oder Wandern. Bei Kontaktsportarten oder sehr hoher körperlicher Belastung sollte vorher Rücksprache mit dem Arzt gehalten werden. In der Regel sind die Systeme im Alltag kaum spürbar und schränken nicht ein. Bei Problemen oder Unsicherheiten sollte immer der Urologe kontaktiert werden.
- Gibt es Risiken oder Nebenwirkungen bei den Systemen? Wie bei allen Operationen und Implantaten gibt es auch bei diesen Systemen Risiken: Infektionen, Schmerzen, Blutergüsse, Verrutschen oder Defekte des Implantats sind möglich, aber selten. Beim AMS 800 kann es zu mechanischen Problemen kommen, die eine Revision notwendig machen. Die meisten Männer profitieren jedoch langfristig deutlich von der Therapie. Eine gründliche Aufklärung durch den Urologen ist vor der Entscheidung wichtig.