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Behinderung als abschreckendes Beispiel?

20 Mai 2016 13:11 - 21 Mai 2016 10:08 #1 von matti
Hallo,

in den nächsten Wochen werden sie kommen: Sogenannte Schockbilder auf Zigarettenpackungen.

Zu sehen sind dann Millionenfach Bilder von schwarzen Lungen oder grausigen schwarzen Zahnstümpfen, die eher an eine "Maulsau" erinnern, wie an einen Raucher.

Der "Höhepunkt" wird aber durch die Darstellung einer apathisch im Rollstuhl sitzenden Frau erreicht.





Diese Bilder werden ausdrücklich als Warnhinweise, mit gewolltem Schockeffekt, genutzt, um Menschen vom Rauchen abzuhalten.

Das man aber gerade durch das hier dargestellte Bild eine ganz andere Wirkung erzielt, scheint den EU-Kommissaren, wie so vieles, nicht bewusst zu sein (oder schlichtweg egal). Mit dem Bild der jungen Frau im Rollstuhl diskriminiert man andere Menschen mit Behinderung stark.

Behinderung wird als Lebensschicksal dargestellt vor dem gewarnt werden muss, ja mit Behinderung soll bewusst geschockt werden.

Dies ist eine Ohrfeige für viele Millionen Menschen mit Behinderung, die völlig unabhängig davon ob sie rauchen oder nicht, als abschreckendes Beispiel Instrumentalisiert werden. Mit der Inklusion und der Umsetzung der UN-Behindertenrechtkonversion kann es nicht weit her sein, wenn Menschen mit Behinderung auf Schockbildern dargestellt werden.

Die gewählte Darstellung vermittelt ein klischeehaftes und negatives Bild von Behinderung, die ich als diskriminierend empfinde.

Es geht hier nicht um eine Diskussion, ob rauchen nun sinnvoll ist oder eben nicht. Rauchen ist gesundheitsschädlich!

Vielleicht werde ich nun zukünftig noch häufiger darauf hingewiesen, dass ich als rauchender Rollstuhlfahrer an meiner Situation doch nun wahrlich selbst schuld sei!? Hat sich einmal irgendein verantwortlicher Knallkopf die Frage gestellt, wie sich das eigentlich so anfühlt, wenn die eigene Lebenssituation als abschreckendes Beispiel genutzt wird?

Am meisten stört mich die Botschaft der Warnungen: “Ein Leben mit Behinderung ist furchtbar! So möchtest du doch nicht leben, oder?” Na danke liebe EU.

Ich lebe gerne!

Gruß

Matti
Anhang:

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20 Mai 2016 16:51 #2 von Elkide
Hallo Matti,
das Bild und die Schlussfolgerung ist wirklich der Hammer!!!!!!!! Auch wenn es nichts nützt, solltest du deinen Brief als Leserbrief an verschiedene Zeitungen und politische Gremien verschicken. Behinderung als Abschreckung ist menschenverachtend und unwürdig. Dieses Bild verstößt gegen unser Grundgesetz: "die Würde des Menschen ist unantastbar." Ich persönlich glaube auch nicht, dass die Bilder eine abschreckende Wirkung erzielen werden, jedenfalls nicht bei der Zielgruppe der Jugendlichen. Meine langjährige Schulerfahrung sagt mir, je schrecklicher die Bilder, desto cooler finden die Schüler es. (Mit schrecklichen Bildern meine ich die Abbildungen von Raucherlungen!) Letztenendes darf jeder erwachsene Mensch entscheiden, wie und mit welchen Risiken er leben will. Von Schuld wegen irgendwelcher Risiken zu sprechen, halte ich für falsch. Dann wäre der Skifahrer an seinem Beinbruch schuld, der Autofahrer an seinem Crash, der Workaholic an seinem Burnout usw.! Ein Leben ohne Risiken gibt es nicht! Wenn Rauchen so gefährlich ist, warum verbietet es dann die Politik nicht? Diese Bilder sind doch dann nur ein Alibi, dass man was getan hat, aber die Zigarettensteuer, darauf will man auf keinen Fall verzichten.

Lieber Matti, bin zwar Nichtraucher, kann aber deine Empörung total verstehen. Dieses Bild ist auf jeden Fall ein Schlag gegen die Menschenwürde und müsste gerichtlich verboten werden!

Drücke dich.
Elke

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20 Mai 2016 17:50 #3 von Johannes1956
Lieber Matti!

Es regt sich Widerstand:

blog.zeit.de/stufenlos/2016/04/25/behind...hen-als-warnhinweis/
derstandard.at/2000036323536/Kontroverse...reckung-fuer-Raucher
www.filterlos.at/news/blick/details/arti...zigarettenpackungen/

Ich habe mir auch heute erlaubt, eine e-mail an das Gesundheitsministerium zu schicken mit einem Link auf unseren Thread. Nachdem unsere Gesundheitsministerin in Österreich ja bereits angekündigt hat, die Kampagne "anzupassen", vielleicht gibt es doch eine Bewußtseinsänderung.

Mich würde interessieren, wer die abgebildete Frau ist, real oder PC Bild und wenn real, ob es dazu eine Zustimmung gab. Oder hat sich da ein Fotomodel missbrauchen lassen? Wie auch immer, äußerts bedenklich!

Johannes

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20 Mai 2016 17:52 #4 von Bubi-Nora
Hallo Matti, kannst du deinen Bericht nicht als Serienbrief an alle Bundestag Abgeordneten senden.

www.flegel-g.de/2014-Mailadressen-nach-B...-18-Wahlperiode.html

vor meiner zweiten Herz OP 2003 habe ich aufgehört zu Rauchen ( 100 Stück am Tag ) Der Arzt hat auch gesagt das ich wenn ich Nichtraucher bin 200 Jahre alt werde.

Tatsache ist das ich nach der Tabaksteuer Erhöhung nicht mehr leisten wollte dem Staat so viel Geld zu schenken.

Gibt es eine Stelle beim Bund wo man sich wegen der Diskriminierung beschweren kann?

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20 Mai 2016 20:31 #5 von matti
Lieber Bubi-Nora,

du bist ja nun schon einge Zeit hier im Forum aktiv, deshalb möchte ich dich, auch aufgrund deines jetzigen Vorschlags, doch einmal ganz offen fragen, ob dies nicht ein Tätigkeitsfeld wäre, wo du mitarbeiten möchtest. Dies zu entwickeln und umzusetzen, wäre ja eine klassische Vereinstätigkeit. Wie sieht es den da mit einer Vereinsmitgliedschaft einmal bei dir aus?

Als Mitglied eines Teams könnte man dies ja dann einmal besprechen und bestenfalls umsetzen.

Liebe Grüße

Matti

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20 Mai 2016 23:03 #6 von Jens Schriever
Hallo Matti

Ich bin der selben Meinung wie Elkide. Vielleicht bringt ein Leserbrief an verschiedene Zeitungen doch den erwünschten Erfolg,

Gruß Jens

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21 Mai 2016 08:29 #7 von Maulwurf
Hallo zusammen,
Ich habe etwas überlegt, ob ich mich dazu äußern soll. Ist ja immer recht schwierig, wenn sich bereits eine konsensmeinung herausgebildet hat. Ich möchte es aber im Sinne einer differenzierten Diskussion tun.
Ich sehe es etwas anders als ihr alle.
Auch wenn ich meine Behinderung nicht den Zigaretten "verdanke", so sehe ich sie doch als Schicksal, welches ich anderem gerne ersparen möchte.
Da man eine ähnliche Behinderung wie meine eben auch durch exzessives rauchen kommen kann (ich rauche selber mal), finde ich alle Methoden, die Menschen davon abhält zu rauchen und somit ein ähnliches Schicksal wie meins zu erleiden gut. Die Wirksamkeit der Bilder ist natürlich strittig, zumindest in Australien gibt es aber wohl Studien, dass sie wirken.

Jeder Mensch weiß ja auch, dass man eine Behinderung nicht nur durch das rauchen bekommt. Ich fühle mich daher nicht diskriminiert oder angegriffen durch die Bilder.

Ist mein Leben mit Behinderung noch lebenswert? Meistens. War es ohne besser? Definitiv.
Daher sehe ich die Bilder positiv.

Gruß Maulwurf

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21 Mai 2016 11:14 - 21 Mai 2016 11:59 #8 von matti
Hallo Maulwurf,

ich finde es ganz super, dass du hier deine Gedanken und Meinung einbringst. Gerade weil sich ja bereits eine Konsensmeinung bildet, bedarf eine etwas andere Sichtweise ja immer auch etwas Mut.

Ich möchte deine Antwort deshab nicht kritisieren, sondern die Gründe für meine Sichtweise noch etwas ausführlicher darstellen.

Du schreibst beispielsweise:

Da man eine ähnliche Behinderung wie meine eben auch durch exzessives rauchen kommen kann...


und nur einen Anbsatz weiter:

Jeder Mensch weiß ja auch, dass man eine Behinderung nicht nur durch das rauchen bekommt...


Genau diese Diskrepanz macht deutlich, weshalb eine solche Darstellung problematisch ist.

Ich möchte hier einmal einen Artikel aus den leidmedien.de veröffentlichen. Er zeigt sehr gut auf, wie Medien - und somit auch weite Teile der Gesellschaft - sich im Umgang mit Menschen mit Behinderung bewegen.

Schon wieder so ein schweres Schicksal? Fragwürdige Beispiele aus den Medien.

Immer wieder stoßen wir in den Medien auf Barrieren – in der Sprache und in den Köpfen der Medienschaffenden. Eine kleine – nicht repräsentative! – Sammlung von Beispielen stellen wir hier vor. “Fragwürdig” machen diese Beispiele, dass sie

- Behinderung auf ein “Leiden” und ein “schweres Schicksal” reduzieren – positive Seiten des Lebens mit Behinderung werden ausgeblendet.

- behinderte Menschen als passiv und hilflos darstellen, als “Sorgenkinder”, um die man sich kümmern muss.

- sich auf die körperlichen und geistigen Defizite und “Andersartigkeiten” konzentrieren und so die Lust an der Sensation bedienen.

- behaupten, dass behinderte Menschen ausschließlich etwas “trotz” oder “wegen” ihrer Behinderung tun.

- ausblenden, dass das Leben und der Alltag behinderter Menschen vielfältig ist – dass behinderte Menschen neben der “Identität behindert” noch viele weitere Eigenschaften und Vorlieben haben.

- nur “über” behinderte Menschen sprechen und nicht mit ihnen – die “Expertise” für Behinderung wird in der Fachwelt (zum Beispiel Medizinerinnen und Mediziner) oder in der Familie (zum Beispiel Eltern) gesucht.

- behinderte Menschen als tapfere “Helden” darstellen, die ihre Behinderung “meistern” – statt als Menschen, die wie alle ihre Höhen und Tiefen erleben.

- völlig alltägliche Tätigkeiten behinderter Menschen als besondere Leistung herausstellen, zum Beispiel Einkaufen, im Park spazieren zu gehen oder der Arbeit nachzugehen. Ihnen wird dabei oft ein besonderer “Lebensmut” oder eine “Lebensfreude” attestiert.

Einige Beispiele, wie Menschen mit Behinderung fast täglich in den Medien dargestellt werden:

Mehr dazu finden Sie hier und hier.
Bei vielen dieser Beispiele fanden wir nur eines dieser Merkmale, bei anderen mehrere – manchmal sind wir uns auch selbst noch uneinig, wie wir dieses Beispiel bewerten.

Der kleinste Glasknochenmann - Ein Boulevardstück über den Alltag eines Mannes mit Glasknochen RTL2, 22.3.2012

Glaube, Rollstuhl, Hoffnung. Schicksalstalk bei Günther Jauch.

„Irgendwann kein Sorgenkind, kein Problemfall mehr sein – die Hoffnung hält Samuel Koch aufrecht.“ Der Spiegel, 23.4.2012

Ziemlich beste Idee. Kultfilm finanziert Betreuungsplätze für Behinderte. Die „erschütternde Lebensgeschichte“ und der „ergreifende Stoff“ des Kassenerfolgs „Ziemlich beste Freunde“ finanzieren die Heimunterbringung von „Leidensgefährten“ mit ihren „Betreuern“, was der Autor als „anrührenden Epilog“ lobt. Süddeutsche Zeitung / sueddeutsche.de, 25.2.2012

Stephen Hawking wird siebzig „Stephen Hawking erklärt nicht nur das Universum, er ist auch ein medizinisches Wunder. Gefesselt an den Rollstuhl meistert er sein Leben – privat und beruflich”. Berliner Zeitung, 7.1.2012

Taubes Mädchen kann jetzt hören – Am Klinikum wurde Pionierarbeit geleistet „Alle Hoffnungen, die man sich als Eltern für den Lebensweg des Kindes macht, werden damit zunichte gemacht.“ Osthessen-news.de, 7.6.2012

Künstler mit Behinderung haben viel Spaß an der Präsentation ihrer Werke „Wieviele Schützlinge haben Sie denn zur Zeit?“ (Interviewfrage an den Werkstattleiter) Südkurer, 11.6.2012

Tiere helfen „Behinderten“ im Pflegeheim „Dann leuchten die Augen, und die manchmal unbeweglichen oder verkrampften Hände fangen zaghaft an, das Tier sanft zu streicheln.“ Infranken.de, 10.6.2012

Behinderter: Ich habe den Bundespräsidenten gewählt“ Ein junger Mann mit Trisomie 21 wählt den Bundespräsidenten ZeitZeichen (evangel. Webmagazin), 21.3.2012

Ein wunderbares Gefühl – die Natur mit allen Sinnen erforschen „Hier tummeln sich Behinderte mit anderen Menschen.“ Lokalkompass.de, Juni 2012

Die Olymionikin, die ihre Behinderung besiegte Artikel über die polnische Tischtennisspielerin Natalia Partyka, die ohne rechten Unterarm an den Olympischen Spielen teilnimmt. Basler Zeitung, 31.7.2012

Dieser Text steht unter einer Creative Commons Namensnennung. Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz

Vielleicht wird so deutlicher, warum gerade wir als Menschen mit Behinderung so eine Darstellung nicht unterstützen sollten. Wir sollten uns nicht selbst reduzieren, wenn wir schon ständig auf ein Merkmal reduziert werden!

Gruß

Matti

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23 Mai 2016 09:23 - 23 Mai 2016 09:35 #9 von Maulwurf
Hallo Matti,

Interessante Auszüge. Einige bodenlos, andere unglücklich, wieder andere nur ehrlich in meinen Augen. Mal zwei Beispiele:

Beispiel: Taubes Mädchen kann jetzt hören – Am Klinikum wurde Pionierarbeit geleistet „Alle Hoffnungen, die man sich als Eltern für den Lebensweg des Kindes macht, werden damit zunichte gemacht.“ Osthessen-news.de, 7.6.2012

Könnte ich nur so unterschreiben. Jeder wünscht seinem Kind nur das beste. Und der erste Gedanke ist eben, ob Gott, wie soll sie in einer Gesellschaft wie der unseren noch mithalten.

„Irgendwann kein Sorgenkind, kein Problemfall mehr sein – die Hoffnung hält Samuel Koch aufrecht.“ Der Spiegel, 23.4.2012

Wenn das Samuel Kochs so empfindet, steht es ihm doch zu, sich so zu äußern? Ich denke nicht, dass er den Bericht nicht gegengelesen und abgesegnet hat.


Mein grundsätzlicher Gedankengang: wir wollen doch ernst genommen und nicht besonders behandelt werden. Erreichen wir das wirklich, indem wir von den Menschen verlangen, gegen ihre Meinung vorneherum so zu tun als fänden sie all das " normal"?
Mir sind jedenfalls die lieber, die mir offen sagen: mit dir will ich nicht tauschen, als die, die sagen: ist doch alles kein Problem.

Im Gegenteil, ich fühle mich inzwischen stark unter Druck gesetzt, durch das Bild welches einige Aktivisten vermitteln: behinderte können alles. Ich nicht. Bin ich damit ein besonders schwacher behinderter? Überall wird man mit dem Beispielen Grünberg, Koch , oder auch dem Franzosen aus ziemlich beste Freunde konfrontiert. Ich will das nicht hören. Ich höre lieber: ja, beschissene Situation.

Man muss auch sagen, dass aus meiner Sicht ein gewisses Kalkül bei vielen " behinderten Promis" dahinter steckt, da es ja um das liebe Geld geht.

Generell ist es halt ein schmaler Grad .
Die Medien prägen das Bild und deswegen sollte man nicht alles hinnehmen. Stimme ich mit überein. Du schreibst, wir sollen uns nicht auf unsere Behinderung reduzieren lassen. Auch hier Zustimmung. Reduzieren mich die Bilder auf Zigarettenschachteln auf meine Behinderung? Sehe ich nicht so. Würde ich durch einen Protest dagegen eine Reduzierung auf meine Behinderung verringern? Sehe ich ebenso nicht so. Im Gegenteil: egal was vorne herum gesagt wird, hintenherum würde gedacht sch*** political correctness und das Bild von den Behinderten, die eigentlich nicht mit ihrem Schicksal klar kommen, aber sich auf jede Kleinigkeit stürzen verfestigt sich.


Ich sage meinem Sohn auch immer: guck beim über die Straße laufen sonst landest du im Rollstuhl wie der Papa.

Maulwurf

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23 Mai 2016 12:02 - 23 Mai 2016 14:07 #10 von matti
Hallo Maulwurf,

natürlich hast du jegliches Recht, die Dinge so zu sehen, wie du sie siehst. Dies ist dein ureigenes und persönliches Recht. Dies streite ich dir nicht ab. Ich bedaure es, wenn deine Worte und Einstellung (in Teilen, in anderen stimme ich dir ausdrücklich zu, dazu später mehr) eine gesellschaftliche Einstellung spiegeln. Warum ich dies bedaure, möchte ich noch einmal etwas ausführlicher darstellen.

Ich spreche in meinen Beiträgen mitunter nicht nur für mich, sondern setze mich für einen gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit Menschen mit Behinderung ein. Ja, auch ich bin so ein kleiner Aktivist.

Ich weiß nicht, ob du die von dir beispielhaft aufgegriffenen Artikel einmal im Ganzen gelesen hast.
In Bezug auf das Mädchen, bei deren Eltern „alle Hoffnungen auf einen guten Lebensweg des Kindes zunichtegemacht wurden“ sollte man sich einmal den Zusammenhang der Äußerungen ansehen.

Dort steht:

Die Sprache ist das wesentliche Kommunikationsmittel des Menschen. In der Entwicklung des Kindes ist das erste gesprochene Wort, der erste kleine Satz eines der erfreulichsten Ereignisse für die ganze Familie. Umso erschreckender ist es, wenn die Eltern erfahren müssen, dass ihr Kind taub zur Welt gekommen ist und wahrscheinlich niemals hören wird und somit keine Sprache erlernen kann. Alle Hoffnungen, die man sich als Eltern für den Lebensweg des Kindes macht, werden damit zunichtegemacht. Nicht umsonst heißt das geflügelte Wort „Sehen verbindet mit den Dingen, aber Hören verbindet mit den Menschen“.


2700 Menschen (keine Dinger!) haben sich hier im Forum über das Sehen (lesen) "verbunden". Mit nicht mehr als 50 Personen (von diesen 2700) habe ich jemals über Sprache (hören) kommuniziert. Es zeigt sehr deutlich, dass ein Umfeld die Möglichkeiten bestimmt. Schaffst du ein solches, hast du die gesellschaftlichen Barrieren überwunden.

Mit einer solchen Darstellung stigmatisiert man dieses Kind, aufgrund seiner Behinderung. Man spricht ihm von Anfang an jegliche Chance auf ein erfülltes und gutes Leben ab, weil es nicht der Norm entspricht. Ohne diese Norm, offensichtlich kein lebenswertes Leben. Es geht sogar noch viel weiter. Man spricht allen Menschen die eine Hörbehinderung oder Taubheit haben diese Chancen ab. Das Leben von Millionen Betroffenen wird in Frage gestellt, es steht dadurch die Frage im Raum, ob ein solches Leben denn überhaupt lebenswert ist.

Im Artikel wird ein solches Leben als „erschreckend“ bezeichnet, dem tauben Menschen die Fähigkeit zur Kommunikation abgesprochen und eine Isolation, abseits von der Teilhabe in und an der Gesellschaft, prognostiziert. Ob die Eltern von Ludwig van Beethoven dies wohl auch so empfunden hätten? Zugegeben, er selbst litt unter seiner zunehmenden Taubheit, schenkte der Menscheit aber keinen "schrecken" sondern fantastische Meisterwerke

Natürlich kann auch ein taubes Kind eine Sprache erlernen (Gebärdensprache ist auch eine Sprache!), kommunizieren, am Leben und der Gesellschaft teilhaben. Die Behinderung des Kindes entsteht nicht alleine durch seine Taubheit, sondern vor allem durch die gesellschaftlichen Barrieren. Sie sind ein ganz großer Teil der die späteren Behinderungen, um dies einmal wirklich wörtlich zu nehmen, ausmacht.

Stell dir einmal vor, wir würden in einer Welt leben, in der allen Grundschulkindern die Gebärdensprache gelernt würde. Alle Fernsehsendungen wären mit wählbaren Untertitel verfügbar. Veranstaltungen würden grundsätzlich auch in Gebärdensprache durchgeführt. Die durch die Gesellschaft vorhandene Behinderung wäre um ein Vielfaches reduziert. Weiter so, und gesellschaftlich die Ohren auf taub stellen, ist nicht weiter erstrebenswert.

Würden wir diese Einstellung unwidersprochen gesellschaftlich akzeptieren, würde sich sehr schnell die Frage nach Selektion – schon in den heute gegebenen Möglichkeiten der Pränatal Diagnostik – zeigen. Es gäbe nur noch Menschen die einer fiktiven Norm entsprächen. Alle anderen würde mehr oder weniger das Lebensglück, die Selbstverwirklichung und hier passt das Wort erschreckend tatsächlich, die Lebensberechtigung abgesprochen, weil sie nicht einer Norm entsprechen, die sich die Mehrheitsgesellschaft gibt.

In dem Artikel wird zwar wörtlich der Lebensweg genannt und die daraus evtl. entstehenden ungleichen Chancen hervorgehoben (die Chancen erwähne ich jetzt, der Artikel spricht diese vorneweg ab!), dabei beschreibt der Artikel vielmehr die Vorstellungen eines Lebensmodells der Eltern und ganz offensichtlich auch des Autors dieses Artikels. Da passt es dann evtl. nicht, dies ist aber etwas ganz anderes.
Im weiteren Artikel heißt es: "Es bleibt zu hoffen, dass Uliana auch einen guten Hörerfolg haben wird...". Dies wünscht dem Kind sicher jeder. Dann folgt aber wieder direkt an diesen Satz anschließend eine unsägliche Formulierung: "aufgeweckt und intelligent dafür wäre sie allemal". Menschen die dies also nicht erreichen, aus welche Gründen auch immer, sind daraus abgeleitet also nicht "aufgeweckt" und "intelligent" genug?

Zu deinem zweiten Beispiel mit den „Sorgenkind“ vielleicht einmal dieser Ansatz:
Gerade ein Samuel Koch steht in der öffentlichen Wahrnehmung hoch im Kurs. Er trägt, ob nun gewollt oder nicht, auch zur Bewusstseinsbildung der Gesellschaft zu und über Menschen mit Behinderung bei.

Die Aktion Mensch prägt Menschenbilder – auch deswegen kam es im Jahre 2000 zu der Namensveränderung der seinerzeitigen Aktion Sorgenkind. Dabei war der Namenswechsel damals ein heikles Vorhaben. Der Name war etabliert und hatte einen Bekanntheitsgrad von 90% in der Bevölkerung. Dem gegenüber stand der ständig anwachsende Widerstand, dass durch das so medienstarke ZDF das Menschenbild „Sorgenkind“ gezeichnet wurde.

Der umfassende Begriff „Mensch“ wurde mit Inhalten „aufgeladen“. Der Mensch rückte in den Mittelpunkt. Diese Namensänderung hat das Bewusstsein der Menschen nachhaltig verändert.

Wenn mir ein Mensch gegenüber äußert, er wolle mit mir nicht tauschen, empfinde ich dies als bodenlose Frechheit. Gerade wenn mich dieser Mensch gar nicht genauer kennt, hat er mich durch eine solche Aussage auf meine offensichtliche Behinderung als Rollstuhlfahrer reduziert.

Es mag ja sein, dass dies mehr als eingebildet klingt, aber ich halte mich für einen ganz wunderbaren Menschen.

Ich besitze: Aufgeschlossenheit, Einfühlungsvermögen, Empathie, Initiative, Kontaktfähigkeit, Kreativität, Organisationsfähigkeit, Selbstkritik, Selbstsicherheit, Sensibilität, Urteilsvermögen, Weitblick, die Fähigkeit zum Zuhören und Zuverlässigkeit.

Und dann kommt Jemand, sieht meinen Rollstuhl, und sagt: Mit dir möchte ich nicht tauschen? Frag dich einmal, ob du mit einem solchen Menschen tatsächlich tauschen wolltest?

Würde mich dieser Mensch nicht auf ein einzelnes Merkmal reduzieren, würde er die Unverschämtheit und den groben Unsinn seiner Aussage schnell verstehen und revidieren. Darüber solltest du auch einmal nachdenken, du reduzierst dich durch die Annahme und Identifikation mit einer solchen Aussage ja selbst am meisten.

Wenn du lieber „ja, beschissene Situation“ über dein Leben hörst, dann werde ich dies nicht ändern können. Ich bedaure es aber, dass du ganz offensichtlich den Leidfaktor für dich so sehr in den Mittelpunkt deines Lebens stellst.

Wir sind nicht alle „Superhelden“, wie Koch, der Aktivist Krauthausen oder die Stabhochspringerin Grünberg. Nein, wir sind auch Menschen mit Schwächen und dürfen auch einmal unsere Lebenssituation hinterfragen, bedauern und mitunter auch beweinen. Keiner der Aufgeführten hält dies anders, manchmal wird eben heimlich geweint. Da unterscheiden wir uns nicht von den „normalen“ Menschen, die tun dies nämlich auch!

Gruß

Matti
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